#mundpropaganda

#mundpropaganda

Als ich gestern zum ersten Mal von der Kampagne, die sich in sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #mundpropaganda finden lässt, hörte, gefiel mir die Idee gut. Es handelt sich dabei um eine Kampagne der GQ (Gentleman’s Quarterly), einem Lifestyle-Magazin, das an eine männliche Zielgruppe gerichtet ist. Ziel sei es, Homophobie zu bekämpfen und Homosexualität massenkompatibler zu machen bzw. die Akzeptanz homosexuell orientierter Menschen in der Gesellschaft zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ das Magazin (prominente) Männer vor die Kamera treten, die in ihrem Privatleben ausschließlich heterosexuell leben, um sie sich küssen zu lassen. Die Ablichtungen lassen sich nun teilweise auf der Webseite und auch in der Printausgabe des Magazins anschauen.

Soviel zur Vorgeschichte. Nach einigem Nachdenken und ein paar kürzeren Unterhaltungen kam ich allerdings zu dem Schluss, dass die nobel anmutende Kampagne gar nicht so positiv ist wie es mir auf den ersten Blick vorkam – im Gegenteil.

Das erste Problem sehe ich darin, dass die Kampagne sich wieder nur um Schwule, nicht aber um Lesben dreht. Obwohl die GQ in ihrem kurzen Artikel Gentlemen gegen Homophobie drei mal das Wort „Homosexuelle“ verwendet, geht es ausschließlich um Männer – also in dem Fall Schwule –, obwohl das Wort explizit alle einbezieht, die „gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten, erotisches und romantisches Begehren gegenüber Personen des eigenen Geschlechts“ (Quelle: Wikipedia, Art.: Homosexualität) zeigen.

Was außerdem zum Nachdenken anregen könnte – aber nicht unbedingt muss: Es handelt sich bei der GQ noch immer um eine Magazin, das möglichst große Auflagen machen will. Mit der Vorzeigekampagne, die ganz nebenbei auch Homophobie zu bekämpfen vorgibt (vorgibt, weil nur ein Teil des Ganzen behandelt wird) wird Publicity geschaffen. Vielleicht eckt die Aktion auch bei einigen an, im Großen und Ganzen wird sie aber sicherlich als „mutiger Vorstoß“ gesehen werden. Ob sich die Printauflage erhöht ist ungewiss, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden sich allerdings zumindest die Webseitenaufrufe erhöhen.

Zudem stößt der Wortlaut des eben schon verlinkten Artikels negativ auf. Moses Pelham habe demnach „Ich sage es ganz ehrlich und ohne jede Ironie, es kostet mich eine Menge Überwindung.“ gesagt. Vielleicht sehe ich es etwas überspitzt, aber Sätze wie dieser lösen in mir den Gedanken aus, dass Homosexualität scheinbar genau das sei, was schon seit Jahren von vielen, besonders homophoben, Menschen hochgehalten wird: Heilbar bzw. Ein- und Ausschaltbar. Als sei es eine Entscheidung, die jeder für sich trifft. Sexualität ist nicht so etwas wie eine überzeugungsgestützte Nahrungsumstellung! Moses Pelham kostete es Überwindung, einen Mann zu küssen. Ebenso könnte man es so auslegen, dass mit etwas Überwindung Schwule (und Lesben) auch „normal“ – und diesen Begriff benutze ich in diesem Kontext absichtlich – sein und Menschen des anderen Geschlechts küssen könnten, so wie es von großen Teilen der Gesellschaft ja auch praktiziert wird.

Was dem ganzen dann allerdings die Krone aufsetzte war etwas, das durch einen Retweet in meine Timeline flatterte:

https://twitter.com/Tofutastisch/status/411161716634828800

Eine Benutzerin namens „Tofutastisch“ spricht darin den deutschen Twitteraccount der GQ direkt mit den Worten „Ey, @GQ_Deutschland, geht’s noch? Heteresosexismus, Homophobie und sexuelle Belästigung sind keine Heldentaten. #TW […]“ an und verlinkt eine Kolumne in eben jenem Magazin, in der „GQ-Mann Molzer“ versucht, eine lesbisch lebende Frau umzupolen, da er schließlich jede Frau – von den „nach Hollunder duftende[n] Gymnasiastinnen in Miniröcken“ über „Glamourfrauen Ende 20 mit karmesinrot lackierten Krallen oder gut in Schuss gebliebene Mütter erwachsener Töchter“ (Quelle: GQ) haben könne. Mein erster Gedanke: „Bah!“. Dicht gefolgt von: „Und so was lesen Männer?“, in der vielleicht naiven Unterstellung, dass solche Artikel anscheinend ja irgendeine Zielgruppe haben müssen, die die geistigen – das unterstelle ich mal – Ergüsse auf sich wirken lassen. Vor Ekel bin ich leider nicht bis zum Ende gekommen, weswegen ich nicht mal sagen kann, zu welchem Schluss Molzer kam. Mir fiel nur gleich zu Beginn auf, was für ein unfassbar zweischneidiges Schwert die ganze Angelegenheit ist.

Auf der einen Seite gibt GQ vor, sich für Homosexuelle einzusetzen. Dann gibt es eine durch Fotos und Schreibweise offensichtliche Einschränkung auf Männer – also doch nur Schwule und nicht Homosexuelle – und dann kommt aus demselben Hause noch so eine unfassbare Grütze wie der eben verlinkte Artikel. (Update: Die Redaktion der GQ Deutschland reagierte auf Facebook ziemlich schnell auf einen Kommentar der Nutzerin „Kati Kürsch“ und löschte den Artikel)

So gut ich die Aktion anfangs fand, so sehr bin ich ihrer nun abgeneigt. Zumal empathische, weltoffene Menschen vermutlich nicht mal zu Homophobie neigen und alle anderen wohl auch durch die Kampagne nicht von ihrer Homophobie geheilt – und das ist tatsächlich möglich! – werden können.

4 Replies to “#mundpropaganda”

  1. Die Kampagne propagiert doch eher die freie Wählbarkeit der sexuellen Orientierung auf Basis des freien Willens, und stellt somit das Gegenteil einer ernstgemeinten Unterstützung all derer dar, die unter dem „nicht so sein dürfen wie sie nun mal sind und fühlen und leben“, leiden. Denn anders als die Probanden im Filmexperiment suchen sich authentische Homosexuelle wie auch Heterosexuelle in der Regel nicht (jedenfalls nicht bewußt) aus, wen (also welches Geschlecht) sie lieben wollen (und auch küssen wollen). Der Film sagt uns eher: probier mal aus, ist gar nicht so übel, vielleicht bist Du ja in Wahrheit auch ganz anders?! Psychoanalytisch hat das schon was und vermag vielleicht auch was zu bewirken, aber die eigentliche Botschaft des Films verkehrt sich damit in ihr Gegenteil, nämlich nicht Toleranz und Akzeptanz gegenüber der Vielfalt menschlicher Lebensformen und Gefühlswelten, sondern Vereinheitlichung und Gleichheit aller Gefühlswelten werden uns hier suggeriert.

  2. Hallo,

    ich kenne deinen Hintergrund natürlich nicht, aber zunächst zitiert man nicht aus Wikipedia, das ist keine seriöse Quelle für Definitionen.
    Es ist Fakt, dass schwule Männer wesentlich weniger akzeptiert werden als lesbische Frauen. Da es sich bei der GQ, wie du ja richtig festgestellt hast, um ein Magazin handelt, das sich hauptsächlich an Männer wendet, ist es nur logisch, in dieser Aktion Männer zu zeigen statt Frauen. Denn die Reaktion von Männern auf zwei sich küssende Frauen ist jedem bekannt, führt aber in keiner Weise zu einer Diskussion gegen Homophobie.

    Gerade dass die GQ hohe Auflagen hat, ist doch der Kernpunkt der Aktion. Ein mutiges, aber eher unbekanntes Magazin erreicht keine solche Wirkung mit dieser Aktion. Wir als 08/15-Bürger können uns auch nicht medienwirksam für wichtige Belange einsetzen, weil wir schlicht nicht das Publikum erreichen. Prominente können das jedoch durchaus und da beschwert sich auch niemand.

    Deine Interpretation des Satzes von Moses Pelham empfinde ich ebenfalls als sinnlos. Dass es einen heterosexuellen Mann Überwindung kostet, einen anderen Mann zu küssen bedeutet in keinster Weise, dass Homosexualität deshalb ein- oder ausschaltbar wäre. Mich als heterosexuelle Frau würde es auch Überwindung kosten, eine andere Frau zu küssen weil ich mich von Frauen schlichtweg nicht angezogen fühle. So etwas lässt sich weder bei hetero- noch bei homosexuellen Menschen beeinflussen.

    Letztlich bleibt natürlich die Frage, inwiefern die Kampagne Erfolg haben wird. Denn es stimmt: Homophob sind vielfach schlicht ungebildete, kleingeistige Menschen. Und die zu „heilen“ ist eine Lebensaufgabe.

    Gruß

    1. Danke für deinen Kommentar. Dass aus der Wikipedia zu zitieren oft als kritisch gesehen wird, weiß ich durch meine schulische und universitäre Ausbildung zu Genüge. Allerdings hätte es des Zitats gar nicht mal dringend bedurft, um den betreffenden Sachverhalt zu klären; mir gefiel die Wortwahl bloß gut. Die Bedeutung des Worts „Homosexualität“ ist einfach aus dem Lateinischen und Griechischen ableitbar und als neben der Heterosexualität bestehende sexuelle Ausrichtung zu verstehen. Daran rüttelt auch die vielleicht nicht so vertrauenswürdige Quelle Wikipedia nicht.

      Dass Sexualisierung von Lesben bei Männern besteht – warum auch immer – macht die ganze Sache aber doch nur noch abstruser: warum die Unterscheidung? Warum ist es bei Frauen teilweise akzeptiert, bei Männern aber nicht? Und hier fehlt mir auch noch etwas die Differenzierung – „Kampflesben“ und leicht männlich anmutende „Mannsweiber“ sind ebenfalls deutlich weniger akzeptiert als die pornografisch hervorgehobenen ins Schönheitsideal der Zuschauer passenden jungen Frauen.

      Deiner Reichweitenanmerkung stimme ich in Teilen zu. Allerdings schafften es auch „08/15-Bürger“ durch Protestaktionen wie #aufschrei mithilfe sozialer Medien zu großer Aufmerksamkeit. Die Möglichkeit, eine kritische Masse zu erreichen, ist also durchaus auch ohne ideologieverfolgende Verlagshäuser gegeben.

      Wie ich schon schrieb, war die Auslegung des Satzes äußerst überspitzt. Da hat jeder seine Vorlieben, worum es ja hierbei auch geht. Aber warum sind es ausschließlich heterosexuelle Männer, die ein Zeichen setzen wollen/sollen? Wären die Bilder weniger stark, wenn sie tatsächlich homosexuell lebende Paare zeigten? Oder vielleicht noch stärker, weil die Personen sich tatsächlich lieben?

  3. Hi Patta,

    wir haben ja schon kurz zu dem Thema geschrieben. Ich halte die Aktion für quotenhaschend, oberflächlich, möchtegernhipster und vor allem vollkommen kontraproduktiv. Dass es auch noch ein „Lifestyle“-Blatt wie GQ ist, ekelt mich noch mehr an.

    Erstmal: Was soll es bringen, wenn Heten sich demonstrativ küssen? Mutprobe? Solidarität? Wahlfreiheit? Wie du schon schriebst, die Wahl ist nicht frei. Man wird nicht mal so zum Schwulen oder zum Hetero oder wechselt, wie es einem gefällt, man lebt (hoffentlich) nach den eigenen Vorstellungen und Prioritäten.

    Wer schon tolerant ist, braucht nicht mehr überzeugt zu werden. Wer nicht, wird sich davon aus meiner Sicht sogar eher abgestoßen fühlen (darum kontraproduktiv). Wen es nicht interessiert, weil Homosexualität für ihn (oder sie) eh schon ein selbstverständlicher Teil des Lebensumfelds geworden ist, wird den Artikel nur sehr skeptisch von der Seite betrachten. Ach ja, und die Schwulen selbst? Die freuen sich vielleicht sogar noch, weil die hirnlose GQ-Aktion ihnen einmal mehr suggeriert, dass Hete, wenn sie nur will, ja auch mal bisschen schwul sein kann. So mancher wird da vielleicht wieder missionarische Pläne schmieden, um anschließend frustriert zurückzukehren. Insofern bin ich für den Kommentar von Moses Pelham sogar ein Stück dankbar. Wieso er dann überhaupt mitgemacht und nicht vorher mal das hoffentlich vorhandene Gehirn eingeschaltet hat, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

    Fazit: Eine Möchtergernaktion, die sich als Toleranzwerbung verkleidet, letzten Endes der Sache aber deutlich mehr schadet als dient. Der einzige Gewinner ist GQ selbst, da die Schwelle zum Shitstorm wohl leider nicht überschritten wurde. Bis jetzt.

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