Tag 40 – #AnsKapUndVonnetKapWech

Tag 40 – #AnsKapUndVonnetKapWech

Meine Reise ist vorbei … was ein Abenteuer! Mein ursprünglicher Plan war es, am 9. Juni die Rückreise anzutreten, am 4. Juni war mir mittags das Warten auf den Flug in Alta aber zu blöd und ich hatte das Gefühl, alles (mir) wichtige gesehen zu haben. Zwar wäre ein Ausflug zum nahe gelegenen Sautso Canyon noch schön gewesen, 40km bei sehr unbeständigem Wetter waren mir dann aber doch etwas zu heikel. Also buchte ich meinen Flug um, ohne jemandem davon zu erzählen – meine vorzeitige Rückkehr sollte eine Überraschung werden. Durch die kurzfristige Umbuchung kostet mich der Rückflug zwar jetzt das doppelte meiner ursprünglichen Ausgaben für den Flug, aber was soll’s. Im Vergleich zu den täglichen „Überlebenskosten“ in Norwegen ist das auch kein so großer Unterschied mehr und ich will nach Hause.

Erst hatte ich mir zurechtgesponnen, dass ich dann ja von Amsterdam aus die 180km nach Hause radeln könnte, mit der Zeit kamen aber immer mehr Zweifel auf, ob das Vorhaben hinhauen würde: Werde ich unterwegs genug Schlaf kriegen, um das zu schaffen? Wird das Fahrrad heil ankommen? Wo kriege ich nachts in Holland Essen her? Und so weiter … Also fragte ich erst zwei Freunde und dann meine Großeltern, ob sie mich abholen könnten und bekam bald eine Zusage. Damit daheim niemand etwas ahnt, spinne ich mir in Nachrichten Geschichten zurecht, was ich gerade tue – so abwegig waren sie nicht, denn was ich schrieb wäre tatsächlich passiert, wenn ich noch geblieben wäre –, veröffentlichte Posts bei Twitter weiterhin mit Geolocation in Alta und habe mich zurückgehalten, Flugphotos bei Instagram zu posten, während in mir eine unbändige Vorfreude wuchs.

Da mein Flug am Montagmorgen ging, ich mir aber nicht für die Nacht noch eine Unterkunft suchen wollte, kam ich am Sonntag gegen 20.30 Uhr am Flughafen in Alta an und habe schon einmal angefangen, alle Packtaschen etwas umzusortieren. Jetzt ging es nicht mehr um eine möglichst praktische Aufteilung, um effizient an den Inhalt zu kommen und ein gleichbleibendes System zu haben, sondern die Taschen mussten sinnvoll ausgenutzt werden. Alle bis auf eine Tasche in einen mitgebrachten Müllbeutel gestopft, Luftpolsterfolie mit rein, zweiten Müllbeutel andersrum über den ersten gezogen und sehr dilettantisch Paracord drumgewickelt, um das Kunstwerk etwas zusammenzubinden und einen Tragegriff zu haben, fertig ist die Roulade. An einem Sonntagabend einen Fahrradkarton zu organisieren dürfte äußerst schwierig sein, also habe ich mir am Vortag in einem kleinen Baumarkt in Alta eine Rolle Luftpolsterfolie und etwas Panzertape organisiert, mit denen ich dann am Flughafen das Rad präpariert habe. Bei SAS ist es so, dass wenn es nicht in einer Fahrradtasche transportiert wird, eine Registrierung notwendig ist (bzw. angeraten wird), die erst seitens der Airline bestätigt werden muss. Beim Transport ohne Tasche muss dann der Lenker um 90° gedreht werden, die Pedale sollen abgenommen werden und am besten noch etwas Druck aus den Reifen gelassen werden. Alles bis auf das mit den Reifen habe ich gemacht, dann noch Scheinwerfer und Rückleuchte sichernd abgeklebt, Ober- und Unterrohr auch, Dynamolader, Klingel und Handyhalter vom Lenker abgenommen und den Sattel geschützt, fertig. Mit dem kleinen Multitool war es ein ziemlicher Akt, die Pedale abzubekommen und es klappte dann auch nur bei einer. Für die andere habe ich am Flughafen nachgefragt, ob vielleicht ein Inbus- oder Maulschlüssel mit langem Hebel irgendwo rumliegen würde und ich hatte Glück.

Der Flughafen in Alta ist so klein, dass er Sonntagnacht um 00.30 Uhr schließt und erst fünf Stunden später am Montag wieder öffnet, halbwegs gemütliches Schlafen im Flughafen ist also nicht möglich. Allerdings wurden ein anderer Reisender und ich von einer Mitarbeiterin auf das Taxiwartehäuschen hingewiesen, das überdacht und von Glaswänden geschützt direkt vorm Flughafen liegt. Über einen Drehschalter können zwei Heizstrahler für bis zu 60 Minuten eingeschaltet werden. Der Franzose legte sich direkt zu Anfang mit seinem Schlafsack auf die lange Bank im Außenraum und schlief dann auch ziemlich durchgehend, meine Nacht war leider eher rastlos und ich kam insgesamt vielleicht auf eine Stunde Schlaf. Alle paar Minuten drehte ich den Timer wieder auf 60 Minuten hoch, um im Falle des Einschlafens wenigstens eine Stunde lang mit Wärme versorgt zu werden, denn das Häuschen schützt zwar vor Wind und Regen, mit ausgeschalteter Heizung aber nur sehr wenig vor den 3°C draußen. Und mein Schlafsack war schon in meiner Gepäckroulade eingepackt.

Exakt um 05.30 Uhr öffnete der Flughafen wieder und die Drehtüren sind passierbar. Ich checke sofort mein Gepäck ein und komme dabei komplett ohne ausgedruckte Dokumente aus; die Boardingpässe habe ich aus der SAS-App direkt in die Wallet-App meines Handys übertragen können, und habe so nur den Bildcode vorzeigen müssen, der dann gescannt wurde. Es handelte sich zwar bei meinem ersten Flug nur um einen Inlandsflug von Alta über Tromsø nach Oslo, dennoch wundert es mich, dass ich neben meinem (E-)Ticket keinerlei meine Identität verifizierende Ausweise vorzeigen musste. Meinen Personalausweis will niemand sehen, ebensowenig meine EuroBonus-Karte, die ich als Identifikationsmerkmal bei der Buchung mit angegeben hatte.
Mein Gepäck hatte nur 19kg und ließ sich problemlos einchecken, mit dem Fahrrad ging ich dann zum Spezialgepäckschalter, wollte nach dem Klingeln an der Tür noch Luft ablassen, wurde dann aber direkt mit einem Kopfschütteln eines Mitarbeiters, der die Tür öffnete, davon abgehalten. Er nahm sich das Fahrrad und verschwand hinter der Tür … bis dann, treuer Packesel!

Der Security Check verlief ereignlos, Taschenmesser und Multitool habe ich vorsichtshalber ans Fahrrad gebunden, um sicherzugehen, dass mir beides nicht abgenommen wird. Nur mein Kindle im Handgepäck sorgte auf dem Scanbild des Gepäcks für Unsicherheit, sodass ich etwas wühlen und zeigen musste, dass nichts schlimmes drin ist. Zahnpasta, Lippenpflegezeugs und Handdesinfektionsmittel in meiner Lenkertasche störten niemanden und ich konnte passieren. Beim Warten aufs Boarding konnte ich die Mitarbeiter draußen beim Verladen des Gepäcks beobachten und sehen, dass mein Rad erstaunlich sanft eingeladen wurde. Verglichen mit dem zeitdruckbeengten Werfen von Gepäckstücken, das ich vorher schon oft sah, bin ich mit dem Umgang hier wirklich glücklich.

Während des Flugs legt sich Norwegen noch mal ordentlich ins Zeug, mir einen tollen Flug zu bescheren. Die Sichtweite ist toll und ich sehe wunderschöne Berge voller Schnee auf dem Weg nach Tromsø und danach nach Oslo. Nach einem recht kurzen Flug, auf dem ich immerhin eine knappe Dreiviertelstunde schlafen konnte, kam ich in Oslo an, um dort herauszufinden, dass ich aus Unwissenheit blöd gebucht habe. In ein paar Reiseberichten von anderen Kapradlern las ich zuvor, dass sie ihr Gepäck haben entgegennehmen und wieder einchecken müssen, weswegen ich absichtlich den Flug mit der meisten Wartezeit – etwas mehr als sechs Stunden – gebucht hatte. Angekommen sagte mir aber ein SAS-Mitarbeiter, dass das Gepäck einfach weitergereicht werde, da ich den gesamten Flug von Alta bis Amsterdam mit einer Buchung und bei einer Airline gelöst habe. Nun gut … Durch Buchung des SAS Plus Tarif durfte ich allerdings in die SAS Lounge in Oslo und habe dort eine fabelhafte Zeit verbracht. Die Lounge war deutlich ruhiger, leerer und hübscher als der Rest des Flughafens, auch wenn ich OSL ansonsten schon wirklich schick finde. Das Klientel bestand hauptsächlich aus Damen und Herren in Geschäftsbekleidung, während ich dazwischen saß. Seit drei Tagen ohne Dusche, eine etwas schmockige Radhose an, seit 35 Tagen dieselben Schuhe. Trotzdem versuchte ich, mich so zu benehmen, als sei das schon richtig, dass ich dort war. In der Lounge wurden Kaffeeautomaten und Tee bereitgestellt, ebenso alkoholfreies Bier, Rot- und Weißwein und als ich dort war auch ein Salatbuffet und Suppe mit bereitliegendem Brot, Chips und Croutons. Sechs Stunden Zeit können ganz schön lang sein und wenn das Essensangebot reichhaltiger und abwechslungsreicher ist als das der letzten fünf Wochen, kann ich schon mal verfressen werden. Drei Teller Salat, eine Suppe, ein paar Chips, zwei Kakao, einen Cappuccino, einen Latte Macchiato und vier Orangensaft sowie eine Stunde Schlaf später ist es dann soweit und es geht ans Boarding.

Ich bleibe zwar im Schengen-Raum, verlasse aber Norwegen, deshalb hätte ich diesmal fest damit gerechnet, einen Ausweis vorzeigen zu müssen, aber auch hier nichts. Nun gut, dann eben nicht. Ich nehme Platz auf Sitzplatz 1A in der ersten Reihe am Fenster. Die ersten vier Reihen der Boeing 737-700 sind für SAS-Plus-Bucher reserviert, aber auf dem Flug beinahe leer. Die fünf Plätze rechts neben mir waren frei, in der Reihe hinter mir zwei der sechs Plätze belegt. Trotz meiner Völlerei am Flughafen kriege ich auch im Flieger das Essen noch rein. Ich muss dringend meine Kalorienzufuhr runterschrauben – aber noch nicht jetzt. Sonst in letzter Zeit nur Billigairlines nutzend war ich erstaunt vom Gesamtkomfort, den so ein Economy-Plus-Ticket bieten kann. Der Preisunterschied lag, wenn ich mich recht entsinne, bei etwa 70€ zum Go-Ticket von SAS, allein die zwei Gepäckstücke, die bei Plus integriert sind, hätten mich aber schon 100€ gekostet. Zusätzlich bekam ich dann außerdem noch Loungezutritt, schnelleren Check-In, kostenloses Frühstück und Abendessen sowie Getränke und etwas mehr Beinfreiheit.
Zum Abendessen gab es Nudeln mit Chuka Ika und Seekoralle, Brisket mit Senfgewürzgurken und Swede Crème sowie einen Schokoladen-Blaubeer-Kuchen sowie Brötchen mit Butter, Cola und Tee.

Da stehen sie aufgereiht #AnsKap #OSL #Oslo #airport #airplanes #aeroplanes #flughafen

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Mit jedem Kilometer, den es mehr in Richtung Süden ging, wurde die Landschaft flacher. Nicht, dass Oslo mit allzu hohen Bergen trumpfen könnte, aber im Vergleich zu Norddeutschland und den Niederlanden, die überflogen wurden, ist da zumindest noch ein bisschen was. Wie der vorige Flug verlief alles reibungslos und ruhig, keinerlei Turbulenzen und gute Landungen. Trotz etwas Verspätung beim Abflug in Oslo kam der Flieger noch einige Zeit vor geplanter Ankunft in Amsterdam an. Ich durchschritt den unübersichtlichen und mir viel zu großen Flughafen zur Gepäckausgabe, die völlig überlaufen war. Sechs Bänder, die zig Flüge kombinierten und umso mehr Menschen, am Rand stapelte sich bisher nicht abgeholtes Gepäck. Meine Gepäckroulade landete schnell auf dem Band, aufs Rad muss ich noch etwas am Sondergepäckband warten, bin aber dann auch um kurz nach halb sieben durch. Beide Gepäckstücke haben die Flüge und den Transport dazwischen absolut unbeschadet überlebt, nur ein kleiner Kratzer ist am Lenker des Rads zu finden. Eine sehr gute Bilanz!

Die erste Reihe blieb neben mir den Flug über unbesetzt. Massig Platz! #AnsKap #aeroplane #airplane #flugzeug

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Beim Austreten aus dem Zollbereich wurde ich mit einem Pappschild von meinen Großeltern begrüßt und wir fuhren danach nach Hause, wo meine nichts ahnenden Eltern warteten – oder eben auch nicht. Mit dem Rückflug und meiner Heimkehr endete nun also dieses kleine große Abenteuer zwischen Studium und Arbeit für mich und ich bin glücklich über (fast) jede Entscheidung entlang des Weges. Im Keller der Wohnung wartete dann mein kühles Zimmer mit meinem wochenlang unbewohnten Bett. Es ist gut, zurück zu sein.

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