Tag 24 – Äkäsjokisuu—Muonio

Tag 24 – Äkäsjokisuu—Muonio

In der Nacht habe ich mich, nach Abschicken des gestrigen Blogposts, noch in die Höhle des Löwen gewagt. Mein Blut beinahe bereitwillig zur Verfügung gestellt. Beim Blick in den mich noch immer verwirrenden hellen Nachthimmel sehe ich den Vollmond, der über den Bäumen auf der schwedischen Seite des Flusses zu sehen ist. Raus kann ich jetzt sicher nicht mehr, dafür ist die Mückengefahr zu groß, hat sich doch wieder eine Gang vor meiner Tür gesammelt, um mir aufzulauern. Um die Kameralinsen aus einem kleinen Spalt zu halten, reicht es aber soeben noch. Natürlich kann nichts mit meiner Erinnerung und dem tatsächlich Gesehenen mithalten, aber ein kleines Andenken wollte ich mir mitnehmen. Hoffentlich ohne eine Mücke reingelassen zu haben schließe ich den Spalt wieder und lege mich schlafen.

Zeltausblick gestern Nacht. #AnsKap #suomi #Finland #fullmoon #trees

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Gegen halb neun Uhr Ortszeit wache ich dann auf. Aber nicht etwa durch einen Wecker, denn einen „Jetzt solltest du echt mal drüber nachdenken, aufzustehen“-Alarm habe ich erst für zehn Uhr gesetzt, sondern durch das Vibrieren meines Handys wegen einer SMS. Der Telekom. Schon wieder eine dieser dusseligen Auslandsdatenpaketnachrichten, die mir 300MB für 14,95€ schmackhaft machen möchte. Ich bin seit 24 Tagen in Skandinavien und blicke inzwischen auf mehr als ein halbes Dutzend zurück …

Den Morgen starte ich dann in völliger Ruhe, hinterlasse alle elektronischen Geräte und Uhren im Zelt und ziehe mit meiner Essenstasche und Seife rüber zur Feuerstelle. Ein paar Scheite gestapelt und angezündet habe ich nach kurzer Zeit ein schönes Feuer, ganz ohne ein wenig Spiritus als Starter klappt es aber immer noch nicht, egal, wie viel trockenes Zünderholz ich dazulege. Naja. Das Feuer nutze ich dann, um mir Hafergrütze, wie gewohnt mit viel Honig und etwas Erdbeermarmelade, zuzubereiten. Der zuvor rote Topf ist nach dem kurzen Intermezzo fast durchgehend schwarz durch eine Rußschicht und ich esse gemütlich vor mich hin und beobachte den Fluss. Da ich nicht weiß, wann ich die nächste Dusche finden werde, nutze ich die Gelegenheit und wärme mir nach Spülen des dann wieder roten Topfs noch etwas Wasser aus dem Fluss auf, um mir die Haare zu waschen. Wie sparsam doch plötzlich der Umgang mit Wasser werden kann, wenn der größte Behälter gerade eben einen Liter fasst und das Erwärmen ein Weilchen dauert!

Mit einem deutlich frischeren Gefühl kann ich dann mein Zelt abbauen, während Isomatte und Schlafsack zum Trocknen auf der Wiese liegen. Von der Uhrzeit lasse ich mich nicht unter Druck setzen und starte heute erst um halb zwölf. Der Himmel zieht sich leider etwas zu.

Nach nicht einmal zehn Metern vernehme ich ein dreifaches Piepen aus meinem Handy – das eingestellte Signal dafür, dass mein Statusupdate für das Livetracking zehnmal nicht gesendet werden konnte. Offenbar hat sich zum ersten Mal auf der Tour das sofortige Aktualisieren von Apps gerächt, denn im gestern installierten Update kam wohl ein Fehler dazu, der das Tracking in Locus Map, meiner Kartenapp, in irgendeiner Form ausgehebelt hat. Ein paar Minuten verwende ich für Fehler- und Alternativensuche zusammen mit @_Tomalak,  der durch viel Ausbauen das Livetracking überhaupt erst in seine aktuelle sehr schicke Form brachte, gebe dann aber schnell entnervt auf, denn es ist beinahe zwölf und ich noch kaum vom Fleck gekommen, also fahre ich erstmal.

Schon zu Beginn meiner Reise durchs Nichts weist ein Schild auf Rentier-/Elch-Gefahr auf den nächsten fünfzig (!) Kilometern hin. Das Schild könnte aber ebenso durchgestrichene Menschen oberhalb der Kilometerangabe gehabt haben, denn was ich fortan größtenteils vorfinde ist die Abwesenheit von Zivilisation. Nach 20km halte ich an einer kleinen Fischerhütte, die vielleicht auch ein Restaurant beherbergt – ich verstehe die Sprache nicht –und stelle mich auf der Veranda vor dem gerade begonnenen Regen unter. Es ist zwar bloß feiner Nieselregen, auch darauf habe ich aber in dem Moment keine Lust, also verweile ich ein wenig dort. Datums- und Uhrzeitangaben kann ich halbwegs erahnen und dadurch herausfinden, dass das, was sich im Gebäude befindet, gerade geschlossen hat. Gemütliche Stühle stehen draußen aber dennoch und so lasse ich mich nieder. Das Frühstück ist zwar nicht lang her, ich wärme mir aber dennoch eine Dose mit 800g Ravioli auf und sinniere während des Essens über dieses und jenes, plane im Kopf Softwareprojekte, die ich, wieder zuhause, umsetzen möchte und starre auf den Fluss, der mich nun seit Grenzübergang vor zwei Tagen begleitet.

Erst überlege ich, einfach dort auf der Veranda zu bleiben, zu lesen und abends dort mein Lager einzurichten, Mücken und der Blick auf den Kilometerzähler halten mich aber davon ab. Also schlüpfe ich in die Regenklamotten und mache mich auf den Weg. Voll mit hunderten Kalorien der Ravioli und Haferflocken radle ich minutenlang mit einer Geschwindigkeit jenseits von 28km/h, auch bei Anstiegen, und genieße die Einsamkeit in vollen Zügen. Der Regen nieselt weiterhin in sehr feiner Form vor sich hin und ist im Gesicht beinahe angenehm.

Zum Sprühregen jetzt noch etwas Nebel und es gäbe eine phantastische Kulisse für einen Film. #AnsKap #suomi #Finland

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Auf dem Weg erhöht sich die Anzahl der gesehenen Rentiere von bislang fünfzehn auf der gesamten Reise hin zu über fünfzig, denn erst stehen Vier auf der Straße und bewegen sich erst zur Seite, als ein norwegischer Caravanfahrer sich immer langsamer werdend nähert. Im Verlauf des weiteren Wegs sehe ich noch zahlreiche kleinere Herden mit so niedlichen Jungtieren, dass jede Stufe kleiner ein höheres Quieken aus meinem Mund zu hören ist. Verbunden mit dem etwas trottelig-tollpatschig wirkenden Gang sind diese Tiere absolut knuffig anzusehen und bereichern meinen ansonsten sehr ereignisleeren Weg.
In den Bewertungen meines Objektivs las ich öfter, dass die Wetterfestigkeit sehr zu wünschen übrig lasse, deswegen verzichte ich lieber auf ein paar Rentierphotos als auf Erinnerungen der letzten jetzt noch kommenden Tage und speichere die Bilder in meinem Kopf ab.

Nirgendwo (Symbolbild) #AnsKap #suomi #Finland

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Am Ende der angekündigten 50km des Schilds zuvor erreiche ich Muonio. Auf der Karte sehe ich ein Café, in dem ich mich mit einem Kakao aufwärmen möchte, also steuere ich darauf zu und finde mich bald in einem von einer Schweizerin betriebenen Caféhaus wieder, das allerdings in fünf Minuten schließe. Nach einem kurzen Schnack bekomme ich aber meinen Kakao dennoch und kann mir noch etwas Zeit beim Trinken lassen, während sie langsam die ausgelegten Torten wegstellt und etwas aufräumt.
Im Laden werden allerhand sehr schöne Nordlichtphotografien verkauft, ich verlasse den Laden aber nur mit einem kleinen Finnlandpin und der Information, wo ich eventuell einen Schlafplatz finden könnte.

Nach einem Supermarkteinkauf, bei dem ich dank teils schwedischer Waren immerhin auch mal die Aufschrift der Dosen verstehen kann, begebe ich mich auf den Weg zur empfohlenen Herberge. Hotels haben wohl bereits alle geschlossen, viele Unterkünfte machen aber erst im Juni wieder auf. Ich habe Glück und kann einen warmen Schlafplatz mit Dusche für die Nacht ergattern. Auf ein nasses Zelt habe ich nämlich gerade weder beim Auf-, noch beim morgigen Abbau sonderlich viel Lust, also kaufe ich mich gewissermaßen frei.

Eine Waschmaschine gibt es leider nicht, ich kann aber einige Teile einweichen und von Hand waschen, sodass ich auch die weniger werdende Zivilisation, für die der heutige Tag sicherlich ein Trendanzeiger sein dürfte, mit halbwegs frischem Kleidervorrat durchfahren kann.

Wenn alles halbwegs nach Plan läuft, sind es nur noch 50km, bis ich wieder bei meiner Ursprungsroute ankomme und von dort aus noch 500km bis zu meinem Ziel – Nordkap!

3 Replies to “Tag 24 – Äkäsjokisuu—Muonio”

  1. Nur noch 500 Km !!!! Ein Katzensprung ,Zu Deiner bisherigen Fahrstrecke. Wir wünschen Dir für die Reststrecke blauen Himmel , Sonnenschein und gute Straßen , damit Du pannenfrei Dein Ziel gesund und munter erreichst.Wir fiebern mit Dir.Sei gedrückt und ganz liebe Grüße O&O .PS pass auf Dich auf .

  2. Jetzt konnte ich mir endlich die Zeit nehmen, nicht nur gelegentlich deine Tweets an mir vorbeifliegen zu sehen, sondern auch die Artikel zu Deiner Reise nachzulesen.

    Hut ab, Du leistest da eine ganze Menge. Gerade an Tagen, wo alles auf einmal doof ist – Gegenwind, Anstiege, Nieselregen, schlechter Fahrbahnbelag – ist es nicht einfach, weiterzumachen.

    Ich wünsche dir weiterhin eine gute Fahrt und zahlreiche Eindrücke.

    Gruß
    Daniel

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